Buddha in Deutschland

Redaktion
01.03.2011
Buddha in Deutschland

Buddha in Deutschland (Auszug) Vorwort Buddhismus als Begriff ist sicherlich jedem Leser dieses Buches bekannt. Doch was genau ist Buddhismus, für welche Werte und Inhalte steht Buddhismus, welche Lebensführung ist buddhistisch? In unserem westlichen Kulturkreis kauft man sich morgens ein Buch über Buddhismus, liest es und abends..... nennt man sich Buddhist. Wie kann man als normaler Mitteleuropäer auch die Vielzahl der buddhistischen Lehren unterscheiden, deren Propagandisten generell den einzigen, wahren Weg kennen. Hier gilt der Spruch: Man kann auch zu einem Fischkopf beten, wenn man fest genug daran glaubt!

Doch zurück zur Lehre Buddhas. Seine Worte wurden zu seinen Lebzeiten nie schriftlich fixiert, erst ca. 3 Jahrhunderte nach seinem Ableben. Er war der Sohn eines indischen Königs. Sein Vater lies den Sohn sorglos aufwachsen. Alles Übel wurde von ihm ferngehalten. Bis zu dem Tage, an dem der Buddha anfing, die Umgebung des Palastes zu erkunden. Dabei wurde er mit einem abgemagerter Greis, einem schwer Kranken, einer Hochzeit und einer Beerdigung konfrontiert. Der junge Buddha fragte seinen Diener nach den Ursachen. Dieser gab zur Antwort, dass niemand Alter, Krankheit und Tod, dem Rad des Lebens, entfliehen kann. Der Buddha wurde sehr nachdenklich.

Bei seinem nächsten Ausflug traf er einen Bettelmönch auf der Strasse. Er gebot seinem Tross zu halten. Von diesem besitzlosen, jedoch glücklichen Mann war der Buddha sehr beeindruckt. Er fasste einen Entschluss, rasierte den Bart und das Haar. Von nun an lebte er als Asket, bemerkte aber bald, dass übertriebenes Fasten ebenfalls nicht die von ihm gewünschten Ergebnisse bringt. Jetzt lebte er nach dem sogenannten mittleren Weg. Er setzte sich unter einen Feigenbaum und dachte sehr lange und tief nach. Da bekam er seine Erleuchtung. Alles Leben ist Leiden, die Ursachen sind Hass, Gier und Verblendung. Wandel und Veränderung stören den Menschen, der sich an Zustände, andere Menschen oder Dinge schnell klammert. Dieses „Klammern“ stellt nach Buddha die eigentliche Ursache des Leidens dar. Nur wer sich löst von der Sucht nach der Befriedigung seiner Wünsche ist glücklich. Wer nimmt wie es kommt, der findet Erleuchtung.

"Auf nach China" Als ich mich vor fünfzehn Jahren auf den Weg nach China machte waren da nur die Gebilde meiner Phantasie, ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Und vom Buddhismus wusste ich auch so gut wie nichts. Nur vom Kung Fu der Shaolin Mönche, davon wusste ich schon einiges. Durch die unzähligen Eastern, die Serien wie Kung Fu Fighting mit David Carradine und natürlich auch die Bruce Lee Filme, immer wieder wurde ich vom Kung Fu der Shaolin Mönche fasziniert.

Das wollte ich lernen, an der Quelle, im Shaolin Tempel China. Und was sich aus dieser Reise entwickeln wird, wie sich dadurch mein Leben verändert, wenn ich auch nur eine ungefähre Ahnung gehabt hätte, ich weiss nicht, ob ich dann gefahren wäre. Am Flughafen Stuttgart sagte ich meiner Mutter auf Wiedersehen und flog einer ungewissen Zukunft in einem fremden Land entgegen, so weit weg von Zuhause wie es nur irgendwie geht. In Hong Kong warf mich der Flieger in ein Gewimmel von Menschen, alle tätig und fleissig, ständig hastend und immer geschäftstüchtig. Handel und Wandel, hier muss der Ausdruck seine Wurzeln haben. Im bei Travellern berühmten Reisebüro Schumacker gab ich mein Visum für das chinesische Festland in Auftrag und machte mich auf, ein Hotel zu finden und das Gewimmel zu erkunden. Märkte, Dschunken, Essstände, Boutiquen und überall Menschen, Menschen, Menschen.

Eine unglaubliche Flut an Menschen, die um jede Ecke in Hong Kong zu biegen schienen. Touristenattraktionen und tausend Eindrücke faszinierten für zwei Tage. Dann wurde es ernst. Das Visum war fertig und im Reisebüro bekam ich auch gleich die Zugkarte zum Festland, nach Luoyang. Ein Schlafwagen mit drei Chinesen als Reisegenossen. Die Sprache konnte ich damals nicht, das Wörterbuch musste oft helfen. Nach zweiundzwanzig Stunden Fahrt und vielen Getränken mit meinen neuen chinesischen Freunden kam mit dem Bahnhof von Luoyang ein neues Problem auf mich zu. Hier war der lange Arm des Reisebüros zu Ende, ab hier ging es nur noch mit Chinesisch weiter. Vom Bahnhof zum Busbahnhof, schon dass war eine Weltreise. Und dann, am Busbahnhof, Shaolin Tempel. Wie komme ich zum Shaolin Tempel. Ein recht gut Englisch sprechender Mann erbarmte sich meiner und schubste mich in einen Bus.

Shaolin Tempel sagte er und mir blieb nur, ihm zu vertrauen. Nach fünf Stunden und erheblichen Zweifeln kam er in Sicht, der Shaolin Tempel. Glücklich über meinen ersten, im nach hinein doch recht bescheidenen Erfolg und einem Touristenticket in der Tasche stand die Erkundung des Tempel auf der Tagesordnung. Alles an diesem Tempel faszinierte mich. Die Farben, die Bauweise und natürlich die Kung Fu Kämpfer, die an allen Ecken zu sehen waren. Tausende und Tausende von Übenden, synchron und im Gleichschritt, nach Fähigkeiten getrennt und unablässig trainierend in Bewegung. Nach den Mönchen hielt ich vergeblich Ausschau, die waren wohl von den vielen Touristen in die Flucht geschlagen worden. Der Tempel besteht aus einer Abfolge von vier Innenhöfen, jeder Hof ist von Tempelhallen umgeben. Der Tempel steht an einem Berghang, jeder Hof etwas höher gelegen als der vorige. Die bestimmende Farbe im Tempel ist Ochsenblutrot.

Die Tempelmauer und die Gebäude sind in dieser für chinesische Tempel typischen Farbe gestrichen. Die Holzaufbauten sind farbenprächtig, in einem wunderschönen Muster, dass sich oft wiederholt. Am Eingangsportal lächelt einem „Mi Le Fo“ entgegen, der glückliche Buddha. Er soll den Besucher frohen Mutes stimmen. „Mi Le Fo“ war bei mir erfolgreich und zauberte ein Lächeln kam in mein Gesicht. Man muss um „Mi Le Fo“ entweder rechts oder links herumgehen, er steht einem sozusagen im Weg. Nach dem glücklichen Buddha erstreckt sich der Blick auf einen Weg, gesäumt von Steelen, der zum nächsten Portal führt, also in den nächsten Hof. Hier erkundete ich die Inschrift der Steelen, meistens in Chinesisch, einige Inschriften in Englisch waren auch dabei. Rechts und links gingen Türen in andere Teile des Tempels, die ich mir für später aufheben wollte. Durch das zweite Portal kommt man an den vier Tempelwächtern vorbei, die einen grimmig anblicken. Sie haben in der chinesischen Mythologie ihren festen Platz, und sind auch in allen buddhistischen Tempeln zu finden. In diesem Hof stehen grosse Metallgefässe, die dem Abbrennen von Räucherstäbchen dienen. Auch hier stehen Steelen, die auf dem Rücken von grossen Schildkröten angebracht sind. Links und rechts wieder Tempelhallen sowie zwei riesige Türme, der Glocken- und der Trommelturm. In der Haupthalle dieses Hofes befindet sich der liegende Jadebuddha.

Im nächsten Innenhof steht die grosse Halle mit der Residenz des „Fhangzhan“, dem Abt der Shaolin. Vor der Türe seiner Residenz stehen zwei Löwen, die über den Abt wachen. Da der Chan Buddhismus (besser bekannt als Zen) vom Tamo hier im Shaolin Tempel begründet wurde, ist der Abt der Shaolin folglich der höchste Führer der Chan Buddhisten, vergleichbar etwa mit dem Papst als Führer der katholischen Gemeinden der Welt. Der letzte Hof enthält die weltbekannte Trainingshalle der Mönche. Die über die Jahrhunderte ausgeführten Übungen haben im Boden tiefe Abdrücke hinterlassen, Zeichen und Spuren der Generationen von unablässig trainierenden Mönchen, die ihre Kraft hier entfaltet haben. Auf beiden Seiten des Hofes schliessen sich die Mönchsklausen an. Den ganzen Tag war ich auf Erkundung, einen Hof mit einer Halle nach der anderen, meinen Rucksack mit der obligatorischen Isomatte und dem anderen Plunder, den man ja so dringend braucht, auf dem Rücken. Meine Beine wurden müde und der Platz unter dem grossen Baum im ruhigen, abgelegenen Seitenhof lud mich zum Rasten förmlich ein. Als ich etwas zu mir nahm, sass er da, aus dem Nichts war er aufgetaucht, ein wirklicher Shaolin Mönch, in voller Montur. Ich sagte „hello“, er nickte höflich. Wir betrachteten uns eine Weile bis ich meinen Mut zusammennahm und auf ihn zuging.

Mit dem Wörterbuch fing ich an mich vorzustellen und den Grund meines Kommens zu erläutern. Kung Fu wolle ich lernen, bei den Mönchen, an der Quelle. Der Mönch lauschte meinen Ausführungen geduldig. Aber er sagte nichts, kein Lächeln, keine Gemütsregung. Meine Hoffnung auf Aufnahme schwand. Dann, nach einer zähen Pause, fingen seine Hände an meine Muskulatur zu erkunden, meine körperliche Konstitution zu bestimmen. Nach einer Weile nickte er „hau“ (chinesisch für ok). Er packte mich am Arm und führte mich durch den Tempel, zu seiner Klause. In seinem Zimmer war ein kleiner Altar, viele grosse behauene Steine, deren Nutzen ich noch sehr genau kennen lernen würde und zwei Betten. Eins teilte er mir zu und ich konnte mich richtig umsehen. Ein Zimmer ohne Fensterscheiben, eine einfache Tür und ein dünnes Betttuch, im Frühling in den Bergen. Es wird kalt war mein erster Gedanke.

Aber ich hatte natürlich als gründlicher Deutscher einen Schlafsack, den ich auch gleich auspackte. Es war bereits dunkel und mein neuer Meister, Shi Yan Zi, ging mit mir in den Speisesaal der Mönche. Wortlos nahmen wir eine vegetarische Speise zu uns. Sie erinnerte mich an die schwäbischen Maultaschen, Teigtaschen mit vegetarischer Füllung. Ich fühlte mich ein bisschen heimisch und begleitete meinen Meister in unsere Unterkunft. Das Licht ging aus, aber ich konnte nicht schlafen. Ich war so aufgeregt, dass ich im Shaolin Tempel war und überrascht wie schnell alles ging. Um vier Uhr dreißig war die Nacht vorbei. Mein Meister stand angezogen neben meinem Bett. Ich musste zu meinem ersten Training. Eine Stunde rennen, den Berg zum Damo-Tung hinauf, der Höhle, in dem der Gründer des Tempels, der indische Mönch Bodidharma, der Legende nach neun Jahre meditierte bis sich sein Antlitz im Stein eingrub (mehr zu Bodidharma im Teil II. Kapitel II).

Und natürlich wieder runter, über neunhundert Stufen. Ich war bereits am Ende, wie bin ich nur auf die verrückte Idee gekommen, hierher zu fahren. Wir gingen zur Morgenzeremonie. Meine erste buddhistische Zeremonie. Vom Buddhismus wusste ich bis zu diesem Zeitpunkt nur, dass es eine sehr friedvolle und ruhige Religion ist, in der alle Menschen gleich sind oder es zumindest sein sollten. Christlich erzogen wuchs bei mir schon als junger Mann ein immenser Groll gegen die Kirche heran, die Kreuzzüge und die Inquisition, der bigotte Blödsinn, der im Namen Christus fabriziert wird. Da war mir eine friedvolle und ruhige Religion schon immer sympathischer. Nach der Zeremonie gab es Frühstück, dasselbe Essen wie zum Abendbrot. Dann Morgenruhe, eine halbe Stunde. Kaum war diese vorbei kam das eigentliche Training. Es fand in unserer Klause statt. Kung Fu Grundübungen. Wenn man diese Bewegungen nicht gewohnt ist, brennen nach etwa einer halben Stunde die Muskeln höllisch. Dies war jedoch erst das Aufwärmtraining.

Es folgt das Formentraining. Ungewohnte Bewegungsabläufe, niedrig am Boden und fremd für einen Mitteleuropäer. Vier Stunden am Stück, mit kleinen Pausen. Mittags war ich total fertig, jeder Muskel, jede Sehne und jeder Knochen waren ein Schmerzzentrum. Wir gingen zum Mittagessen. Es gab Reis mit Gemüse. Ohne jeden Geschmack, aber gesund. Und ich hatte Hunger, riesigen Hunger. Die ungewohnte Bewegung, das grosse Pensum an Übungen. Nach dem Essen ruhten wir unter dem Baum, an dem wir uns kennengelernt hatten für einige Stunden in der Mittagssonne. Wir starteten einen wechselseitigen Sprachkurs, er lehrte mich Chinesisch, ich ihm Englisch. Jeden Tag in der Mittagspause wurde der Sprachkurs zum festen Ritual. Es folgte das Nachmittagstraining, wieder exakt vier Stunden.

Danach war von mir nichts mehr übrig. Total kaputt fiel ich ins Bett und schlief. Die Abendzeremonie fand ohne mich statt. Von nun an wurden die Tage zu einer Abfolge von Training, Zeremonie, Essen und Schlaf. Mit meinem Meister Shi Yan Zi verstand ich mich immer besser, unsere Zeit war intensiv und langsam wurden wir auch Freunde. Er ist ein unglaublich kräftiger Mann, mit Muskeln bepackt und von unglaublicher Willensstärke. Eine Hornhaut an allen Knöcheln seiner Fäuste zeigt von seinem immensen Abhärtungstraining, seine Bewegungen sind schnell und präzise, seine Dehnbarkeit ist ungeheuerlich, mit einem Bewegungskünstler im Zirkus vergleichbar. Er führte mich in die Geheimnisse des Kung Fu ein.Kung Fu“ heisst auf Deutsch in etwa „Zeit, die man investiert“ oder im Klartext „ohne Fleiss kein Preis“. Und genau so ist es auch im Shaolin Tempel. Die Mönche haben hier keine Instant-Pille, die sie nehmen und dann toll Kung Fu können, sondern diese uns übermenschlich erscheinenden Fähigkeiten sind durch gnadenlosen Fleiss erworben. Und sie beruhen auf einem über Jahrtausende weiterentwickelten System, das vom Aufbau her logisch wie Schach durchdacht ist. Auf das System muss an dieser Stelle etwas genauer eingegangen werden. Der indische Mönch Damo, der Begründer des Chan Buddhismus, entwickelte die Grundbewegungen dieses Systems in den Phasen zwischen seiner Meditation. Der Legende nach meditierte er neun Jahre in einer Höhle oberhalb des Tempels und machte bei seiner Meditation immer wieder Pausen, in denen er sich streckte, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Bei dieser Gelegenheit beobachtete er die Tiere um sich herum und fing an, die Bewegungen der Tiere zu imitieren.

Die Streckübungen und die Tierformen sind die Basis des Kung Fu wie wir es heute kennen. Dieses System wurde immer weiter entwickelt. Es entstanden neue Variationen und die Jahrhunderte brachten verschiedenste Einflüsse in die ursprünglichen Grundformen. Ein Ablauf wie in einem Schachspiel ist diese Struktur, die sich durch einen (imaginären) Kampf zieht. Letztlich hat jeder Mensch nur zwei Arme und zwei Beine, Tritte und Schläge sind schon durch die Anatomie des Menschen nicht in beliebiger Anzahl denkbar und auf eine ganz bestimmte Aktion ist nur eine gewisse Anzahl von Reaktionen möglich und auch machbar. Dies setzt natürlich ein geschultes und trainiertes Reaktionsvermögen voraus. Zentrales Element hierbei ist die Kraftentfaltung, die Fähigkeit, möglichst viel Kraft aus jeder Bewegung zu holen und diese dann zielgenau zu entladen. Im Shaolin Kung Fu erfolgt dies meist durch eine Rotationsbewegung entlang der Wirbelsäule, ein Drehen des Körpers entlang dieser Achse. Wenn eine Hand vorgeht, geht die andere zurück, wenn ein Fuss tritt, kompensiert der Körper das Gleichgewicht durch eine Gegenbewegung, auch wenn sie noch so unscheinbar wirkt. Zuerst jedoch muss der Schüler flexibel und dehnbar sein, die Dehnung nimmt etwa ein Viertel der Trainingszeit ein und sollte unter keinen Umständen vernachlässigt werden. Nach kurzer Zeit kann der Schüler den Spagat, der Meister drückt ihn täglich ein Stückchen mehr nach unten und die Flexibilität wächst erstaunlich schnell.

Da Kung Fu bei den Chinesen ein Volkssport ist sind die Menschen in China auch durchweg bis ins hohe Alter recht fit, eine Verweichlichung, wie es bei uns Europäern üblich ist, gibt es in China nicht. Da diese Kampftechniken den Tierbewegungen abgeschaut sind, finden sehr viele Übungen in Bodennähe statt, eine für mich damals sehr schmerzhafte Erkenntnis. Oder aber die Übungen (zumindest die Grundübungen) werden über Stunden einfach wiederholt bis dann auch die Muskeln schmerzen, die man vorher noch nicht einmal bemerkt hatte. Die Bedeutung der grossen behauenen Steine in der Klause meines Meisters wurde nun auch klar. Es waren aus Stein herausgehauene Gewichte zum Training der Muskeln. Zum Teil waren diese über Seilzüge miteinander verbunden. Ein ausgeklügeltes System. Nach vier Tagen konnte ich nicht mehr, mein Meister hatte ein Einsehen. Kampfsport hatte ich schon immer gerne gemacht, mal Aikido und mal Karate. Auch andere asiatische Kampfsportarten habe ich ausprobiert. Aber nie mehr als zwei Stunden am Tag, nach der Schule und den Hausaufgaben, zwei- oder dreimal die Woche. Und das war für einen normalen Mitteleuropäer schon nicht schlecht. Aber hier auf einmal acht Stunden am Tag. Ich war bedient. Mein Meister und ich fuhren in die Provinzhauptstadt Zhengzhou. Hier konnte ich etwas Fleisch essen, zu Hause anrufen und Schokolade kaufen. Ich war glücklich. Er zeigte mir die Stadt und gegen Abend fuhren wir zum Tempel zurück. Die Fahrt dauerte fünf Stunden. Heute hat die chinesische Regierung eine Autobahn von der Provinzhauptstadt zum Shaolin Tempel gebaut und nach fünfundvierzig Minuten ist man da. Im Jahr 1989 mussten endlose Schlaglöcher auf einer Lehmstrasse umfahren werden. Am folgenden Tag war wieder Training wie an den vorherigen Tagen. Jedoch war nun klar, dass jeder vierte Tag trainingsfrei sein wird und wir an diesen Tagen etwas unternehmen werden.

Nach etwa einer Woche bekamen die Mönche plötzlich Besuch. Die örtliche Polizei erschien. Von der Unterhaltung verstand ich so gut wie nichts, aber immer mehr Polizisten und Mönche fanden sich ein und die Stimmung wurde hitzig. Die Mönche scharten sich um mich und langsam fiel bei mir der Groschen. Die Polizei wollte, dass ich den Tempel verlasse. Die Mönche bildeten einen immer engeren Kreis um mich und die Polizisten versuchten, nach mir zu greifen. Einem besonders eifrigen Beamten brachte es einen festen Klaps auf seine Hand ein und der Mut der Uniformträger fiel schlagartig ab. Verbal wurde dafür eine Stufe zugelegt.

Die Polizei zog irgendwann ab und die Mönche machten mir klar, dass hier keine Ausländer sein dürften, aber ich nun hier bleiben könne. Jahre später wurde mir klar, dass dies Teil eines ständigen Konfliktes der Provinzregierung mit dem Kloster war. Dies war trotzdem eine gelungene Unterbrechung des Trainings, das täglich um neue Übungen bereichert wurde. Beim Aufstehen am Morgen war ich in der Zwischenzeit genau so fertig wie am Abend beim zu Bett gehen. Mein Körper war ein einziges Schmerzzentrum, aber die Blösse des Aufgebens wollte ich mir unter keinen Umständen antun, obwohl ich alle fünf Minuten daran dachte. Durchhalten war die Parole, die in meinem Gehirn das logische Denken ersetzte. Übung folgte auf Übung, Trainingstag auf Trainingstag, unterbrochen von Ausflügen in die Umgebung oder auf die heiligen Berge des Song Shan. An den Zeremonien nahm ich brav teil, wusste aber so gut wie nichts über deren Inhalt. Mein Meister ist ein intelligenter Mann - er hat mit keinem Wort den Buddhismus auch nur erwähnt. Komischerweise lag eines schönen Tages ein buddhistisches Buch auf seiner Klause, in englischer Sprache und keinesfalls zu übersehen.

Ganz ehrlich gesagt war mein Hauptinteresse das Kung Fu und nicht der Buddhismus. Da jedoch im Tempel absolut nichts ausser Kung Fu und Zeremonien zu tun war, fing ich ein paar Tage später an zu lesen. Heute bin ich überzeugter Buddhist. Die Lehre Buddhas (mehr zu Buddha im Teil II Kapitel i), die in vielen Dingen der christlichen Lehre übrigens sehr ähnlich ist, fing an mich zu begeistern. Die Geschichte dieses Mannes, der vor so langer Zeit in Indien lebte und Erleuchtung durch Gelassenheit fand, diese Geschichte faszinierte mich. Dieser Mann und die Verbreitung seines Wortes sind Inhalt meines Lebens geworden. Über Indien nach China und von dort nach Deutschland, auf den Kudamm, was für eine seltsame Geschichte. Auf drei Trainingstage folgte ein freier Tag, eine gewisse Routine spielte sich ein. Die Übungen wurden anspruchsvoller, die Sprachkurse trugen langsam Früchte, eine Unterhaltung kam in greifbare Nähe, das Wörterbuch war nicht mehr ständig gefragt. Auch die Ausflüge wurden immer interessanter.

Einer ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Wir marschierten den ganzen Tag auf einen Berg. Dort angekommen, erklärte mein Meister mir, dass wir auf unbestimmte Zeit hier bleiben werden. Wasser gab es in einer nahen Quelle, auf Essen könne man auf unbestimmte Zeit auch verzichten. Wir würden nun die Meditation üben. Insgeheim freute ich mich über einige Zeit ohne Training, wurde aber bald der Tatsache gewahr, dass Meditation genau so anstrengend sein kann wie Training. Nicht etwa weil Meditation an sich anstrengend ist, sondern schlicht und einfach weil auch das Sitzen in einer gewissen Position (Lotussitz) für Ungeübte nicht einfach ist. Zumal man nach einer gewissen Zeit auch Probleme mit dem Gleichgewicht bekommt. Trotzdem war die Zeit am Berg wundervoll, eine sehr lehrreiche und interessante Zeit. Alles wurde so unwichtig, die Lehren des Meisters und die Natur wurden zum Inhalt. Die Tage wurden zu einem Monat und bald war ich ein halbes Jahr hier. Es war an der Zeit an die Heimfahrt zu denken. Das Visum konnte auch nicht verlängert werden. Es wusste auch keiner wie. Jeder Mönch, den ich kennengelernt hatte, wollte noch einmal Zeit mit mir verbringen und lud mich noch zum Essen ein, gab mir ein kleines Geschenk und viele gute Worte mit auf den Weg und es kam schliesslich wie es kommen musste. Der letzte Tag nahte und die Stimmung wurde seltsam melancholisch.

Als wahre Männer liessen wir uns den Abschiedsschmerz nicht anmerken, sondern überspielten alles mit zwanghafter Heiterkeit. Mein Meister begleitete mich noch ein letztes Mal in die Provinzhauptstadt Zhengzhou. Dort kauften wir unter grössten Mühen das Flugticket nach Peking für den nächsten Tag. Der Abend verlief stimmungsmässig wie die letzten Tage. Der Abschied, das wussten wir genau, würde ein Abschied für lange Zeit bedeuten. Oder für immer, wer konnte das schon wissen. Schweigend nahmen wir das Abendessen zu uns und gingen früh zu Bett. Am nächsten Morgen musste alles schnell gehen und ehe ich mich zweimal umdrehte, sass ich im Flieger nach Beijing. Dort quartierte ich mich in einem grossen Hotel ein und ging zum Essen. Dieses Essen werde ich nie in meinem Leben vergessen. Ich habe für sage und schreibe 500 US $ gegessen, nur gegessen, ein Gericht nach dem anderen. Nach diesem opulenten Mahl war ich sehr müde und schlief mich aus. Am nächsten Tag ging mein Flugzeug nach Frankfurt. Der Shaolin Tempel Deutschland nimmt Gestalt an Immer wieder bin ich in den Tempel nach China gefahren. Längere und kürzere Trainingsaufenthalte wechselten sich ab, die geschlossenen Freundschaften wurden immer enger. Dann, im Jahr 2000, brach ich mit meinem Freund Mario Kohn (+2004) zu einer weiteren Reise nach China auf. Sein Chinesisch und sein Kung Fu waren fantastisch, er schlief im Spagat sogar ein. Er war auch schon oft in Shaolin gewesen und kam ebenfalls aus Berlin, der Stadt, in der ich lebte. Nach ein paar Tagen in Shaolin kam er zu mir und richtete mir Grüsse des Abtes, seiner Heiligkeit Shi Yong Xin aus. Dieser war gerade zum Abt gewählt worden. Da er der Meister meines Meisters Shi Yan Zi ist, ist er folglich mein Grossmeister (mehr zu S.H. Shi Yong Xin im Teil II Kapitel III). Ich war erstaunt, dachte als erstes daran, vielleicht etwas falsch gemacht zu haben und das Herz rutschte Richtung Hose. "Nein, zum Essen wolle er mich einladen" sagte mir mein Freund.

Die Verwunderung war klar in meinem Gesicht zu lesen. Zum Essen? Warum, um was geht es nur? Tapfer zog ich mir mein bestes Gewand an und Mario brachte mich in einen separaten Raum des Restaurants im Tian Zhong Hotel in Deng Feng. Der Abt bedeutete Mario, dass er mit mir alleine sein wolle. Mein Herz kam unten aus der Hose schon fast wieder heraus. Wir sassen eine ganze Weile schweigend da bevor er das Gespräch begann. Ein Übersetzer wäre auf dem Weg, er wünscht, dass diese Unterhaltung nicht weitergegeben werde. Ein junger Anwalt aus der Provinzhauptstadt Zhengzhou erschien, seine Heiligkeit bestellte das Essen. Köstliche Speissen wurden aufgetragen, alle ohne Fleisch, ein Gericht besser als das andere. Kein Freund der langen Vorreden eröffnete mir seine Heiligkeit, dass er mich nun über einen langen Zeitraum beobachtet habe, immer wieder sei ich nach Shaolin gekommen und er habe lange mit meinem Meister über mich gesprochen (der führte in der Zwischenzeit den Shaolin Tempel in London). Er gab mir nun eine Anweisung, die mein Leben komplett verändern sollte. Sie sind von seiner Heiligkeit auserwählt, den Shaolin Tempel Deutschland zu gründen, übersetzte der Anwalt mühsam ins Englische. Ich war gerührt, so viel Ehre!

Dieses Vertrauen in meine Person, ich war sprachlos. Nach einiger Zeit brauchte ich ein „yes“ über die Lippen, konnte nichts mehr essen und lauschte den Anweisungen des Abtes zur Durchführung seines Planes. Die Shaolin Kultur würde die Menschen im Ausland begeistern, auf allen seinen Reisen sei ihm das aufgefallen. Die Breitenwirkung, die der Shaolin Buddhismus durch seine Verbindung mit der Kampfkunst erfahre, die möchte er nutzen, um die Lehre Buddhas in der westlichen Welt zu verbreiten, so seine Heiligkeit Shi Yong Xin. Er werde zuerst Kampfmönche entsenden, um die Lage in Deutschland zu sondieren. Zu Anfang soll eine Shaolin Kampfkunstschule entstehen, der buddhistische Teil eine untergeordnete Rolle spielen. Langsam werde sich dann ein tragfähiges Konzept für die Verbreitung des Buddhismus entwickeln. Gleichwohl solle die buddhistische Lehre nach dem Vorbild des Muttertempels praktiziert werden. Er führte aus, dass er der Shaolin Tempel nun in der Lage sei, der Vorreiter des Buddhismus im Westen zu sein. Ich solle nur darüber nachdenken, wie viele Westler sich jetzt gerade im Shaolin Tempel befänden.

Das waren in der Zwischenzeit sehr viele geworden, da hatte er Recht. Aus aller Herren Ländern waren jetzt Schüler hier, um die Tausend sicherlich. Wenn der Ruhm des Shaolin Tempels so gross sei, dass er so viele Menschen nach China bringe, dann kann er auch den Buddhismus in den Westen bringen. Zurück in Deutschland machte ich mich an die Umsetzung des Planes. In Berlin suchte ich nach einer geeigneten Lokalität als Sitz des Shaolin Tempel in Deutschland. Am Kurfürstendamm stach mir ein Objekt ins Auge. Der Vermieter hatte auch kein Problem mit uns. Wir wurden handelseinig. Der Grundstein zur Eröffnung des Shaolin Tempels Deutschland war gelegt. Von Rainer Deyhle

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