Trachtenmode: Kult oder kultureller Irrwitz?

Redaktion
30.06.2011
Trachtenmode: Kult oder kultureller Irrwitz?

Wenn Sie es modisch gerne Ton in Ton, harmonisch abgestimmt und »vorschriftsmäßig« mögen, müssen Sie jetzt ganz, ganz tapfer sein. Denn das, was sich kreative Stylisten nun einfallen ließen, könnte Ihren Ästhetiksinn herausfordern.

Visual Kei meets Oktoberfest, so könnte man es zusammenfassen. Der japanische Visual Kei Stil zeichnete sich bisher vor allem durch viel Make-up, Gothic- und Glam-Elemente sowie knallbunt gesträhnte Frisuren aus. Jetzt werden mit dem eigenwilligen Look bayerische Traditionsmode kombiniert! Ja, Sie haben richtig gelesen: Dirndl, Lederhosen, Schnürmieder und Puffärmelbluse als kultiges Outfit, weit abseits von Oktoberfest und Weißwurstäquator.

Die deutschen Trendsetter und Kunden sind (noch) nicht so mutig wie ihre japanischen Kollegen. Ist das nun ein Glück – oder ein Segen? Und sollte man sich an der traditionellen Trachtenmode überhaupt so frech vergreifen?

Was Trachtenmode mit Minzsauce zu tun hat

Die aufregendsten Kombinationen sind die, die es »offiziell« gar nicht geben dürfte. Gegrillte Lammfilets mit grünen Bohnen – und dazu kalte englische Minzsauce. Ein perlenverziertes Chiffonkleid im Charleston-Stil, kombiniert mit schweren Lederstiefeln und einem Nietenhalsband. Oder: ein fesch geschnürtes kurzes Dirndl mit Rüschenblüschen, kombiniert mit Vintage-Jeans, Motorradjacke und High Heels.

Auch wenn es sich im traditionsbewussten Oberbayern niemand so recht vorstellen mag: Trachtenmode hat eine eigene Dynamik entwickelt. Wie es zuvor schon mit Krawatten und Uniformen war. So gibt es das klassische Dirndl inzwischen in allen denkbaren Variationen, aus Taft, Tüll, Jeansstoff oder sogar Lackleder, mit Glitzer-Applikationen, knöchelland oder minikurz ...

Je größer der Kontrast zum Original, umso intensiver die Wirkung. Das Spannungsfeld zwischen traditionell und kultig verstärkt sich, je wilder die verschiedenene Stil-Elemente kombiniert werden.

Bayerische Lederhosen als stylishe Damenmode?

Die bayerische Tracht unterscheidet normalerweise zwischen Damen- und Herren-Bekleidung: Hosen für die Herren, Röcke für die Damen. Eine Ausnahme bildet die Lederhose. Die gibt es traditionell aus schwarzem oder hellen Wildleder für »Madls« und »Buam«, wadenlang oder kurz mit Trägern. Die Version für Männer sitzt locker, bequem und wirkt außerhalb des alpinen Kulturraums ein wenig, nun ja: deplatziert, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Die weibliche Version hingegen zeichnet sich durch eine feminine, eng anliegende Schnittführung aus. Beim langen Modell zaubert der hoch geschnittene Bund eine sensationelle Taille und schummelt kleine Pölsterchen weg. Im Zeitalter der unvorteilhaften tief sitzenden Hüftjeans eine Liebeserklärung an weibliche Kurven! Dazu sollten Oberteile kombiniert werden, die sich in den Bund stecken lassen. Also enge T-Shirts, Blusen oder Bustiers. Ein Hauch von Emo-Romantik lässt sich erzeugen, wenn das Oberteil mit einem Schnürmieder aufgepeppt wird.

Wer weiß, vielleicht erobert die Trachtenmode ja tatsächlich bald die Chefetagen und belebt das dort bisher vorherrschende Tote Meer aus langweiligen dunklen Hosenanzügen? Vielleicht bleibt der kultige Trend aber auch auf Clubs und Diskotheken beschränkt, um bald von etwas noch Schrillerem ersetzt zu werden, das wir uns im Moment noch nicht auszumalen wagen ...

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