Spenden in Deutschland

Redaktion
26.11.2010

Tue Gutes und sprich darüber. Anders ausgedrückt: Verdiene viel Geld mit gemeinnützigen Projekten und habe ein gutes Gewissen dabei.

Dass sich das keineswegs ausschließt, steht schon in der Bibel. Sie berichtet von einem institutionalisierten Spendenwesen und von dem Zehnten, den ein jeder als Almosen zu entrichten hatte. Wie vor 2000 Jahren lassen sich auch heute mit dem Mitleid gute Ergebnisse erzielen. Doch die Methoden wandeln sich — notgedrungen.

 

Denn immer mehr Menschen verändern ihr Spendenverhalten. Die hingehaltene, klappernde Büchse in der Fußgängerzone oder der meist allgemein gehaltene Bettelbrief ohne konkrete Aussage über das Projekt und die Verwendung des eingenommenen Geldes reicht niemandem mehr. Die Spender wollen angesprochen werden, kompetent, persönlich und professionell. Immer mehr karitative und gemeinnützige Organisationen haben daraus die Konsequenzen gezogen und verlegen sich beim Spendensammeln auf Professionalität.

 

Viele sozial-karitative Gesellschaften und Religionsgemeinschaften haben inzwischen straff durchorganisierte Abteilungen, die sich um Marketing und Spenden kümmern und mit ausgefeilten psychologischen Methoden das Spendenpotenzial ihrer Kunden erfassen. Immer öfter versichern sich die Organisationen inzwischen der Dienste von hauptamtlichen Fundraisern, die erfolgsabhängig bezahlt, unter einem nicht gelinden Erfolgsdruck stehen. Im Visier dieser Profis ist der typische deutsche Spender. Er ist weiblich, älter als vierzig Jahre, Angestellter oder Beamter. Am liebsten hilft er heimatlosen Kindern oder streunenden Hunden.

 

Der Betrag, den der Durchschnittsdeutsche für Mildtätiges ausgibt, beläuft sich auf 75 Euro pro Jahr. In der Vorweihnachtszeit sitzt das Portmonee ganz besonders locker. Die sozial gestimmte Gemütshaltung im Advent richtet es: Die Deutschen geben bereitwillig und erhöhen auch schon mal den Betrag, wenn Hunger- und andere Katastrophen über das Fernsehen das abendliche Wohnzimmer heimsuchen. Das wissen die Fundraiser der Hilfsorganisationen, die sich immer stärkerer Konkurrenz ausgesetzt sehen, gleichzeitig aber anhaltende Spendenbereitschaft bei den Bürgern konstatieren.

 

Diese Freigiebigkeit lockt immer wieder schwarze Schafe an. Bürger entrichten an der Haustür Spenden, die unter geringerem Zwang wohl widerstanden hätten. Nicht immer ist auch eine ausreichende Transparenz vorhanden, wann, wo und vor allem für was das Geld verwendet wird. Wer in jedem Fall glaubt, den Armen zu helfen, wird unter Umständen genauso getäuscht wie vor 2000 Jahren die Juden, die auf Treu und Glauben ihre Tempelsteuern entrichteten und nicht ahnten, dass die Priester in die eigene Tasche wirtschafteten. Doch allen anders lautenden, ständig wiederholten Meinungen zum Trotz: Dies sind Einzelfälle, müssen doch die Organisationen schon aus Selbstzweck darauf achten, dass fragwürdige Methoden nicht die ganze Innung blamieren.

Jeder gewinnt

Denn damals wie heute gilt der Grundsatz: Spendenakquise muss immer eine Gewinnsituation für Spender und Organisation darstellen. Der Fundraiser macht Herz und Portmonee der Deutschen weit auf und stellt die Projekte seiner Gesellschaft ins beste gemeinnützige Licht. Der Geldgeber andererseits hat das wohlige Gefühl, Not gelindert und in jedem Fall geholfen zu haben. „Helfen tut gut" ist ein Slogan, den sich immer mehr gemeinnützige Organisationen auf die Fahne schreiben.

Denn das Gefühl gebraucht zu werden, und mit eigenem Geld etwas ausrichten zu können, entscheidet über den Erfolg der Spendenaktionen und damit über das Schicksal vieler sozialer Projekte. Es geht um Geld, um viel Geld. Der zu verteilende Spendenberg beläuft sich immer noch auf mehr als fünf Milliarden Euro, auch wenn den Deutschen das Geld seit zehn Jahren nicht mehr so locker sitzt wie früher. Vor allem höhere Steuern und die gestiegenen Lebenshaltungskosten haben die Spendenfreudigkeit der Deutschen vorübergehend erlahmen lassen.

Gemeinnützige Ziele

Hinzu kommt, dass immer mehr Stiftungen und Organisationen gegründet werden, die sich gemeinnützigen Zielen wie dem Umweltschutz, den Menschenrechte oder der Bildung verschrieben haben. All dies sind Anliegen, die den Deutschen am Herzen liegen und für die sie bisweilen reichlich Geld locker machen. Angesichts der staatlich geförderten Bildungsmisere lassen sich vor allem private Bildungsinitiativen bestens vermarkten. Auch der brachliegende Kulturbereich ist auf großzügige Zuwendungen angewiesen und buhlt eifrig um die Gunst der Spender.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace erkannte schon vor Jahren, wie man aktive Spenderbindung betreibt. Die Kämpfer unter dem Regenbogen bauten binnen kurzer Zeit eine gigantische PR-Maschinerie auf, die Merchandising-Artikel wie Aufkleber, Stifte und Regenschirme auf den Markt warf: All das, was das Öko-Herz und desjenigen, der sich dafür hält, begehrt. Die Organisationen entwickeln sich mit diesen Aktivitäten auch zu wichtigen Arbeitgebern. Die veränderten Verhältnisse auf dem deutschen Spendenmarkt lassen auch die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland nicht kalt. Denn auch sie erweisen sich als eifrige Geldsammler für den guten Zweck. Ihre beiden großen Hilfswerke „Misereor" und „Brot für die Welt" rufen regelmäßig zu Spenden für die Weltmission auf. Besonders die 26 Millionen deutschen Katholiken gelten als äußerst zuverlässige und großzügige Spender.

Das hat Tradition im Christentum, denn schon die jungen christlichen Gemeinden lebten in Gütergemeinschaft miteinander. In dieser Tradition sehen sich auch die Sternsinger, die am 6. Januar bei dem Fest der Heiligen Drei Könige die Verbundenheit der Christen in aller Welt zum Ausdruck bringen. Ihre Sammelaktionen bescheren vor allem den jungen afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen Kirchen viel Geld: mehrere hundert Millionen Euro pro Jahr.

Bei der Akquisition der Gelder geht es allerdings in den Kirchen gemeinhin etwas ruhiger zu als in den meisten weltlichen Organisationen. Denn sie können sich traditioneller und preiswerter Methoden bedienen, die auch heute noch leidlich funktionieren. Das könnte sich aber bald ändern. Denn immer weniger Gläubige wollen die Spendenaufrufe ihrer Hirten und Oberhirten hören. Viele Predigten über das Leid in der Welt verhallen mittlerweile ungehört in den leerer werdenden Kirchen.

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