Kinder als Zeugen vor Gericht, Seite 12
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Redaktion 28.02.2011 |
3.2. Wirklichkeitskonstruktion und Wirklichkeitskontrolle
Schon im ersten Lebensjahr können Kinder zwischen wirklichem Objekt und Abbild unterscheiden. Die Erkenntnis über den Abbildcharakter als Vorläufer einer „theory of mind“ setzt im dritten bis vierten Lebensjahr ein.
Zur Unterscheidung zwischen Schein und Sein führte Flavell einen inzwischen klassischen Versuch durch: Kinder verschiedener Altersgruppen bekamen einen Schwamm, der wie ein Stein aussah. Sie sollten Fragen zum Aussehen und zur tatsächlichen Identität beantworten. Erst ab dem sechsten bis siebten Lebensjahr die Mehrzahl der Kinder eine korrekte Unterscheidung zwischen Schein und Sein treffen. Bei den jüngeren Kindern zeigte sich ein konsistentes Antwortmuster: sie antworteten auf beide Fragen gleich und begingen somit zwangsläufig einen Fehler.
Es können hier zwei Antwortgruppen unterschieden werden. Phänomenismus: Die Kinder antworten rein nach dem Aussehen („Stein“). Das ist v. a. der Fall, wenn Farbe, Form und Größe variiert werden. Intellektueller Realismus: Hier wird nur nach der wirklichen Identität („Schwamm“) beurteilt, auch wenn die Objektidentität geändert wird. Sie berichten also von dem was sie wissen, statt von dem was sie sehen. Diese Erkenntnis kann direkt auf die Aussagepsychologie übertragen werden: Bei Vorschulkindern überwiegen phänomenorientierte Schilderungen in erlebnisbasierten Aussagen, und zwar umso mehr, wenn sie den Sachverhalt nicht verstehen. Das bedeutet aber auch, dass suggestive Techniken und wiederholte Falschinformationen das Risiko erhöhen, dass sie eben darüber berichten, was sie wissen / induziert bekommen haben, statt ursprüngliche Wahrnehmungen zu rekonstruieren. Das heißt, dass das Qualitätsmerkmal der phänomenorientierten Schilderung mit Vorsicht betrachtet werden muss.
Die Unterscheidung zwischen Angetroffenem und Gedachtem/Vorgestelltem gelingt Kindern erst relativ spät. Nach Greuel (2001) ist der frühkindliche Wissensbegriff eindimensional, weil er sich nur an Antwort- und Handlungskonsequenzen orientiert und dabei die Wissensbasis völlig vernachlässigt. Wissen wird mit dem richtigen Ergebnis auf eine Frage gleichgesetzt, wohingegen raten einer falschen Antwort entspricht. Mit Erreichen von Level 1 der Perspektivenübernahme (im Sinne Flavells) verstehen Kinder, dass Personen, die das gleiche Objekt sehen, auch das gleiche Wissen über das Objekt haben und dementsprechend „nicht sehen“ auch „nicht wissen“ bedeutet. Erst ab Level 2 der Perspektivenübernahme (ab ca. fünf Jahren) können sie das Wissen anderer Personen in Abhängigkeit der jeweiligen Informationsbasis richtig einschätzen.
Hieraus lassen sich nun fragen zum sog. false belief ableiten: Können Kinder verstehen, dass andere Personen aufgrund von falschen Informationen zu falschen Überzeugungen kommen und danach ihr Handeln ausrichten? Wimmer und Perner (1984) stellten fest, dass dreijährige in der Regel keine richtige Antwort darauf geben können, vier- bis fünfjährige zu 40-80% ein Verständnis von false belief haben und Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren zu 90% . Kinder unter vier Jahren haben also kein Verständnis von Überzeugungen als subjektiven und irrtumsanfälligen Repräsentationen. Erst ab dem vierten Lebensjahr verstehen Kinder zunehmend die Konstruktivität und Subjektivität der Wahrnehmung als Voraussetzung für Wirklichkeitskontrolle. Für die Glaubhaftigkeitsbegutachtung bedeutet das, dass Kinder unter vier sich nicht gegen in falschem Glauben gemachte Vorhalte abgrenzen können und somit sehr anfällig für suggestive Beeinflussung sind.
Ab dem dritten bis vierten Lebensjahr können Kinder zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden. Mit der Einsicht in die Fiktion können Fiktionsspiele und „als ob- Handlungen“ durchgeführt werden. Die Kinder können zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitsstufen hin und her wechseln. Erst gegen Ende des Vorschulalters aber können Kinder gezielt und zuverlässig zwischen den Wirklichkeitsstufen differenzieren.
Deshalb ist es von hoher Bedeutung, dass die Kinder darauf hingewiesen werden, dass die Befragungssituation kein Fiktionsspiel, sondern eine reale Situation ist. In betont spielerischen Abfragebedingungen droht ansonsten eine starke Erhöhung von Aussagefehlern, die auf suggerierten Überzeugungen, Erfindungen oder Desinteresse beruhen (vgl. Piaget 1988), weil die Kinder zwischen Wirklichkeitsebenen hin und herwechseln und sich nicht im Klaren darüber sind, auf welche sich die Erwachsenen beziehen. Es ist also eine eindeutige Instruktion nötig und es muss überprüft werden, ob die Kinder sich auf der – vom psychologischen Laien unterstellten – Ebene der Wachwirklichkeit befinden, oder auf fiktionaler Spielebene. Zurück zum Inhaltsverzeichnis
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