Kinder als Zeugen vor Gericht, Seite 14

Redaktion
28.02.2011
Kinder als Zeugen vor Gericht

3.4. Frühkindliche Erinnerungen

Es besteht Einigkeit, dass frühkindliche Erinnerungen leistungsmäßig hinter denen älterer Kinder und diese hinter denen Jugendlicher und Erwachsener zurückbleiben. Trotzdem können auch schon junge Kinder verwertbare Aussagen liefern, wenn man die entwicklungspsychologischen Besonderheiten und Schwächen kennt und damit rechnet, dass sie in erlebnisgestützten Schilderungen auftreten. Bzgl. persönlicher Erlebnisse erreichen schon drei bis vier Jahre alte Kinder genaue, wenn auch teilweise unvollständige Erinnerungsleistungen und zwar über Zeiträume von bis zu zwei Jahren. Die Behaltensleitung ist dabei höher, wenn das Kind zum Erlebenszeitpunkt den Sachverhalt schon verbalisieren kann.

Man muss also bei der Exploration nicht nur das Alter zum Befragungszeitpunkt, sondern auch zum Erlebniszeitpunkt berücksichtigen. Außerdem steigt die Erinnerungsleistung, je bedeutsamer das Erlebnis für das Kind ist (wobei die Bedeutsamkeit wiederum davon abhängt, ob bzw. wie stark emotionale Reaktionen ausgelöst werden). Domänenspezifisches Wissen über das gefragte Erlebnis unterstützt ebenfalls die Erinnerung daran. Wie auch bei Erwachsenen können wiederholte Befragungen und somit Verbalisationen des Ereignisses (im Sinne von „rehearsal“) die Gedächtnisleistung auch bei Kindern steigern. Allerdings ist damit eine erhöhte Gefahr der Suggestion verbunden. Gefährlich jedoch ist nicht die Wiederholung an sich, wenn diese allesamt suggestionsfrei sind. Natürlich sind Wiederholungen auch nur sinnvoll, wenn das Kind sprechen kann und sich noch in der Enkodierungsphase befindet.

Hat sich das Ereignis schon verfestigt, ergeben sich keine Vorteile mehr. Befragungswiederholungen sind demzufolge nicht angebracht bei sprachinkompetenten Kindern und länger zurückliegenden Erlebnissen. Kinder haben insgesamt Schwierigkeiten, Routinehandlungen von spezifischen Episoden zu unterscheiden. Da sie zuerst Ereignis-Skripts von Routinehandlungen erstellen, um darauf basierend einzelne Episoden abzubilden und einzugliedern, sind eben diese Routinen besser memorierbar. Bei der Befragung muss deshalb zuerst allgemeines Skriptwissen und vor diesem Hintergrund spezifische Ereignisse abgefragt werden. Je komplexer und unvertrauter das erlebte Ereignis ist, umso schwerer Kindern fällt die richtige Enkodierung. Sie schildern wie schon weiter oben erwähnt das Ereignis phänomenorientiert oder stereotypisieren unverstandene Details im Sinne ihres Skript-Wissens Über die Genauigkeit kindlicher Erlebniserinnerungen kann man sagen, dass Kinder bei suggestionsfreier Befragung eher Auslassungsfehler und weniger falsche Übertragungsfehler machen. Es handelt sich also um Unvollständigkeit statt um Fehlerhaftigkeit.

So konnten z. B. falsche Aussagen zu Berührungen im Genitalbereich nicht festgestellt werden (Goodman, Quas et al. 1997). Die Unvollständigkeit der Aussage hat ihre Ursache aber vermutlich in der Unvollständigkeit der verbalen Wiedergabe, und nicht in einer unvollständigen Erinnerungsleistung. Bei wiederholten Befragungen können die meisten Kinder ihre die Aussage präzisieren. Es handelt sich also um eine gleichzeitig inkonstante und trotzdem genaue Aussage (Fivush, Schwarzmüller 1998). Kinder liefern also in der Regel das Qualitätsmerkmal „Präzisierbarkeit der Aussage“. Falsche Aussagen bei Befragungswiederholungen beruhen auf Befragungsfehlern durch Erwachsene. Zusammenfassend kann man sagen, dass sich eine untere Altersgrenze von vier Jahren abzeichnet, ab der man eine generelle Aussagetüchtigkeit voraussetzen kann, weil sich bis dahin wichtige kognitive Kompetenzen entwickelt haben.

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