Kinder als Zeugen vor Gericht, Seite 15
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Redaktion 28.02.2011 |
4. Glaubwürdigkeitsdiagnostik / Glaubhaftigkeitsbegutachtung
4.1. Suggestion
Immer wieder tritt in der forensischen Psychologie verstärkt eine große Skepsis hinsichtlich kindlicher (Zeugen-)Aussagen in den Vordergrund, vor allem unter dem Aspekt einer erhöhten Suggestionsanfälligkeit, die natürlich bei der Glaubhaftigkeitsdiagnose eine wichtige Rolle spielt. Da gerade in neuester Zeit das Forschungsinteresse an der kindlichen Suggestibilität stark angestiegen ist, gibt es zu diesem Thema eine immense Menge an Veröffentlichungen. Deshalb möchte ich hier nur sehr knapp darauf eingehen und die wichtigsten Befunde dazu schildern. (Einen sehr guten Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse gibt Greuel (2001). Sehr intensiv hat sich beispielsweise die Arbeitsgruppe um Gail Goodman damit beschäftigt.) Prinzipiell gibt es einige Bedingungen, unter denen Wahrscheinlichkeit suggestiver Beeinflussung steigt. Das ist der Fall
- wenn die befragte Person unsicher über die richtige Antwort ist, weil sie Gedächtnislücken oder Probleme bei der Verarbeitung der Frage hat,
- wenn Intentionen des Befragenden nach einer Täuschungs-/Beeinflussungsabsicht nicht hinterfragt werden, und
- wenn der Befragte glaubt, dass eine bestimmte Antwort geliefert werden muss, also eine Erwartungshaltung hat.
Jede Bedingung für sich ist nicht ausreichend, um die Aussage grundlegend zu verfälschen, kommen aber zwei oder sogar alle drei zusammen, wird die Wahrscheinlichkeit suggestiver Verfälschung stark erhöht. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass demzufolge Kinder viel leichter einer Suggestion erliegen. Aus diesem Grund wird es immer üblicher, mit Kindern vor ihrer Befragung vor dem Gericht ein Anti-Suggestions-Training durchzuführen.
Dieses Training basiert auf fünf Erklärungen:
- Erklärung, dass das Kind einen Expertenstatus besitzt. Der erwachsene Interviewer hat keinerlei Informationen bzgl des Geschehens.
- Erklärung, dass bei evtl. nicht beantwortbaren Fragen „Ich weiß nicht“ ausdrücklich erlaubt und erwünscht ist. Damit soll einem Konfabulieren entgegengewirkt werden.
- Erklärung, dass der Interviewer auf missverstandene Antworten hingewiesen werden soll.
- Erklärung, dass Fragewiederholungen nicht bedeuten, dass die Antwort falsch war.
- Erklärung, dass bei schwer verständlichen Fragen nachgefragt, statt geraten werden soll. Mit diesem Training kann eine deutliche Erhöhung der Suggestionsresistenz erzielt werden.
Es mag vielleicht so erscheinen, dass Kinder sehr leicht jeglicher Art von Suggestion erliegen. Die folgenden Befunde zeigen aber, dass auch schon sehr junge Kinder weitaus weniger anfällig sind, als allgemein vermutet.
- Wie schon erwähnt machen Kinder keine falschen Aussagen über Berührungen im Genitalbereich und zu Missbrauch im Allgemeinen: 5-jährige haben Fehlerquote von nur 1-2%, die auch nach einem Jahr noch stabil bleibt. Eher muss man davon ausgehen, dass Missbrauchserfahrungen nicht von sich aus erzählt werden, sondern nur auf Nachfragen.
- Kinder zeigen sich allgemein resistent gegenüber Suggestivfragen, die sich auf das relevante Handlungsgeschehen beziehen. Sie geben nur zu peripheren Details nach.
- Ja-Nein-Fragen erhöhen Suggestivität, wenn sie schemakonsistent sind und das Kind über ausreichend Skriptwissen verfügt, in das es die suggerierte Meinung im Sinne von Stereotypisierung integrieren kann.
- Originelle Details (Qualitätsmerkmal!) sind nicht suggerierbar. - Ein empathischer Befragungsstil erhöht die Resistenz von Vorschulkindern auf das Niveau von Schulkindern.
- Ein dem Kind unvertrauter und im Sinne einseitiger Hypothesenbildung voreingenommener Befrager reduziert die Aussagegenauigkeit von Kindern.
- Bei der Induktion eines negativen Personenstereotyps beeinflusst die Abwertungen der Person das Kind insofern, als dass die entsprechenden Person auf der Dimension gut-böse negativer bewertet. Dieser Effekt tritt hauptsächlich bei dem Kind unbekannten Personen auf und die abwertenden Äußerungen sind sehr pauschal.
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