Rudolf Hilferding

admin
12.07.2007

Rudolf Hilferding (1877 - 1944)

Der österreichisch-deutsche Ökonom und Politiker wurde am 10.8.1877 in Wien geboren. Er entstammte einer jüdischen Familie, der Vater war als sog. Privatbeamter bei der Allianzversicherung tätig. Hilferding studierte Medizin und arbeitete einige Jahre als Armenarzt. Das politische Klima und ein weitverbreiteter Antisemitismus ließen ihn wie viele Intellektuelle des liberalen Judentums in der linken Arbeiterbewegung eine politische Heimat finden. Er trat der Sozialdemokratischen Partei bei, lehrte kurze Zeit an der Parteischule der SPD in Berlin Wirtschaftsgeschichte und Nationalökonomie. Wegen ihm drohender Ausweisung lrgte er diese Arbeit nieder und wurde Redakteur des "Vorwärts", des Parteiorgans der SPD.
1910 erschien sein Hauptwerk "Das Finanzkapital". Darin setzte er sich mit den verschiedenen Erscheinungsformen des Kapitalismus auseinander. Bis heute allgemein bekannt ist seine Theorie des "Stamokap" , des staatsmonopolitischen Kapitalismus: Private Unternehmer werden von anonymen Kapitalisten verdrängt, Monopole lösen den freien Wettbewerb ab, Einfluß und Macht der Banken nehmen zu.
In den politisch heißen 70er Jahren geriet diese These wieder in die Diskussion. Angesichts der Entwicklung der Gegenwart - Zunahme der Bankenmacht, Verschmelzung von Poltik und Wirtschaft - sehen kritische Wissenschaftler Hilferdings Thesen bestätigt.
Hilferding erkannte in den Mechanismen des demokratischen Staates Möglichkeiten, die Übermacht des Großkapitals in Grenzen zu halten und im Sinne der Gesellschaft umzuwandeln. Mit dieser These wurde aus dem Stamokap-Theoretiker ein Reformist, der den Kapitalismus friedlich überwinden wollte.
Beim Ausbruch des 1.Weltkriegs bewilligte die SPD, für ihn und viele Gleichgesinnte unverständlicherweise Kriegskredite, das bedeutete Verrat am Gedanken des Sozialismus, der ja zu Vereinigung und nicht zu gegenseitiger Vernichtung der Arbeiter führen sollte. Logischerweise wurde Hilferding Mitglied der von der SPD abgespaltenen USPD. Schwierig wurde es für ihn, als er sehr bald den fatalen Einfluß Moskaus auf die deutsche Arbeiterbewegung erkannte und in der Tageszeitung "Freiheit", deren Chefredakteur er war, bekämpfte. So trat Hilferding 1920 wieder in die SPD ein.
Deutscher Staatsbürger geworden, wurde er in den Reichstag gewählt, dem er bis 1933 angehörte. Er wurde Finanzminister im Kabinett Stresemann. In dieser Funktion sah er sich vor die ungeheuren Folgen des Krieges gestellt: Reparationskosten, Hyperinflation, hohe Arbeitslosenzahlen. Hilferdings Vorschläge fanden nicht die von ihm erhoffte Annahme, so stellte er sein Amt zur Verfügung.
Die Machtübernahme Hitlers ließ ihn 1933 nach Zürich emigrieren. Die nächsten Jahre sahen ihn im stetigen Rückzug vor den Nazis, von Zürich in die Tschechoslowakei, nach Paris. Dort wurde er 1941 von der Gestapo verhaftet. Bis heute ist nicht vollständig geklärt, woran - trotz vorhandener Ausreisegenehmigung für die USA - die Flucht letztendlich scheiterte. Verrat? Unwille der Vichy-Regierung? Am 12. Februar 1941 starb Hilferding im Gefängnis - ob Mord oder Selbstmord wurde nie wirklich gekärt. Seine erste Frau und einer seiner beiden Söhne kamen im KZ um.
Hilferding gilt heute als einer der bedeutenden Vertreter des "Austromarxismus", der östereichischen Variante des des Marxismus.
Hilferding hat den Strukturwandel des Kapitalismus um die Jahrhunderwende erkannt und beschrieben. Im "Finanzkapital" beschreibt er den Übergang von Einzelunternehmen der Privatkapitalisten zu Aktiengesellschaften, die in anonymer Form Trusts und Kartelle bilden, er beschreibt die Entstehung von Monopolen und die heraufkommende Herrschaft der Banken.
Auch an Hilferdings Thesen ist die Frage zu stellen, ob die marxistische Kapitalismuskritik nur von einem bestimmten Klassenstandpunkt aus gültig ist oder ob sie dem Anspruch einer wissenschaftlichen Theorie standhält.

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